Karel Čapek: Aus den Meinungen einer Katze
Das ist mein Mensch. Ich fürchte ihn nicht. Er ist sehr mächtig, denn er isst viel; er ist ein Allesfresser. Was frisst du? Gib mir! Er ist nicht schön, denn er hat kein Fell. Da er nicht genug Speichel hat, muss er sich mit Wasser waschen. Er miaut rauh und unnötig viel. Zuweilen schnurrt er aus dem Schlaf. Öffne mir die Türe.
Ich weiß nicht, warum er zum Herrn wurde; vielleicht hat er etwas Erhabenes gefressen. In meinen Zimmern wahrt er Reinlichkeit. Er nimmt einen schwarzen, scharfen Dorn in die Pfote und ritzt damit in weiße Blätter. Anders vermag er nicht zu spielen. Er schläft in der Nacht anstatt am Tag, sieht nicht im Dunkeln, hat keine Wollüste. Nie denkt er an Blut, nie träumt er von Jagd und Kampf, nie singt er aus Liebe.
Oft in der Nacht, wenn ich geheimnisvolle und zauberhafte Stimmen höre, wenn ich sehe, wie alles im Dunkel auflebt, sitzt er beim Tisch mit gebeugtem Kopf und ritzt mit seinem schwarzen Dorn immer und immer wieder in die weißen Blätter. Glaub ja nicht, daß ich mich um dich kümmere. Ich höre nur das leise Knarren deines Dorns. Manchmal verstummt das Knarren; der armselige Kopf weiß nicht mehr, wie er spielen soll; da tut er mir leid und ich geruhe, mich zu nähern und leise in die quälende Verstimmung zu miauen. Da hebt mich dann mein Mensch auf und taucht sein warmes Gesicht in mein Fell. In diesem Augenblick erwacht in ihm der Funken eines höheren Lebens und er seufzt vor Wohlbehagen und schnurrt etwas, was ich beinahe verstehe. Denk aber ja nicht, daß ich mich um dich kümmere. Du hast mich gewärmt und jetzt gehe ich wieder den dunklen Stimmen lauschen.
(Erschienen im Prager Tagblatt am 2. September 1934.)








